Historischer Straßenkampf am Dom
Äußerst gelungene Tourneeproduktion von "West Side Story" derzeit in Köln
Ein paar Jahrzehnte müssen
in den letzten Monaten im Musical Dome zu Köln vergangen sein. Stehkrägen
und farblich eher dezente Roben des ausgehenden 19. Jahrhunderts haben Abschied
genommen, Muscleshirts und knallige Kleider sind eingezogen.
Dennoch hat uns der zwischenzeitlich auch auf dieser Bühne zelebrierte
Time Warp nicht ganz in die Gegenwart geschickt. Wir stecken in den 50er Jahren
des letzten Jahrhunderts - und das ist auch gut so!

West Side Story-Tour 2004
(Foto: bb-promotion)
Wie viele Kreative haben sich schon daran versucht, Musical-Klassiker wie "My Fair Lady", "Hair" und "Linie 1" mit zumeist äußerst zweifelhaftem Versuch in die Neuzeit zu adaptieren? Ist es wirklich nötig, dass das Phantom in zehn Jahren nicht in seinen Katakomben sondern einem Versorgungsschiff der internationalen Raumstation mit blonder Perücke und Jogginganzug an einem Notebook anstelle der Orgel Rap statt Opern komponiert? - Nein!

West Side Story-Tour 2004
(Foto: bb-promotion, Alexander Ch. Wulz)
Genauso wenig muss ein New Yorker Straßenkampf aus den Fünfzigern in den Irak oder in das Köln der Neuzeit versetzt werden. Und glücklicherweise hatten die Kreativen der aktuell durch Deutschland tourenden "West Side Story"-Produktion ein Einsehen: Sie zeigen ihrem Publikum eine "West Side Story", die auch wirklich in New York spielt und spricht!

West Side Story-Tour 2004
(Foto: bb-promotion, Alexander Ch. Wulz)
Die Zuschauer müssen
sich nämlich nicht mit "Denglisch", also englisch ausgesprochenem
Deutsch, verunstalteten Texten herumärgern sondern bekommen ein gut verständliches
und dennoch von bewusst eingesetztem amerikanischen und puertoricanischem Slang
durchzogenes Englisch serviert. Zwei an den Bühnenseiten montierte Leinwände
zeigen zusätzlich eine nicht immer gute, aber verständliche deutsche
Übersetzung der Texte.
Das Bühnenbild ist selbst für eine Tourneeproduktion zu spartanisch
ausgefallenen und besteht im Prinzip nur aus zwei beweglichen, baugerüstähnlichen
Konstrukten. Hier fehlen für die doch eigentlich gar nicht so abstrakt
und minimalistisch angelegte Produktion weitere optische Highlights, wie z.
B. ein paar brennende Tonnen oder Reklameschilder. Sehr positiv hebt sich davon
das einzige konkret als solches erkennbare Zimmer - der Brautladen - ab, in
dem Puppen und Kleider für die nötige Abwechslung auf der Bühne
sorgen.

West Side Story-Tour 2004
(Foto: bb-promotion)
Das Ensemble erledigt den Rest! Äußerst ansehnliche Körper, angenehme, prägnante Stimmen sowie außergewöhnliche und sehr stimmige, exakte Tanzeinlagen transportieren die breite Palette der Emotionen von der Bühne in den Zuschauerraum. Und das, obwohl die Namen der Darsteller nicht vertraut klingen: Ryan Silverman und Sean Attebury als Tony; Laura Griffith und Carolann Sanita in der Rolle der Maria; Lana Gordon als Anita; Oscar Loya als Bernardo und Paul Stolarsky in der Rolle des Doc.

West Side Story-Tour 2004
(Foto: bb-promotion)
Hier spielt nicht die allererste
Garde, aber eine hervorragend zusammengestellte, homogene Gruppe hochmotivierter
und bestens ausgebildeter Musicaldarsteller.
Die "West Side Story" wird Köln am 25.07.2004 bereits wieder
verlassen, macht aber nach einer kleinen Sommerpause noch Station in der Deutschen
Oper Berlin (17.08. - 05.09.2004) und im Musicaltheater Bremen (07.09. - 19.09.2004).
Weitere Bilder:
Videoausschnitte (im Real-Media-Format; Player ggf. bei www.real.com kostenlos downloaden):
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"America"
(2.030 kb) |
"Maria"
(1.662 kb) |
"Tonight"
(1.812 kb) |
(Marco Reuschel, MrMusical, 20.07.2004)