Ein Abend voller Spannung an der Saale
Deutschsprachige Uraufführung
von "The Scarlet Pimpernel"
Nicht sehr oft hat ein "normaler" Theatergänger die Gelegenheit, eine deutschsprachige Erstaufführung des Musicals eines bekannten Komponisten zu erleben. In Halle gab es am 14. Februar mal wieder einen dieser raren Premierenabende. Die Oper der Saale-Stadt lud - relativ unspektakulär - zur deutschsprachigen Erstaufführung des Wildhorn-Musicals "The Scarlet Pimpernel".

Deutschsprachige Uraufführung an der Oper in Halle (Foto: M. Nauroth m.
frdl. Unterst. v. T. Kühler)
Am 9. November 1997 hatte
"The Scarlet Pimpernel" im New Yorker Minskoff Theatre Weltpremiere
gefeiert und sorgte zusammen mit "Jekyll & Hyde" und "Civil
War" dafür, dass im Jahr 1999 drei Frank Wildhorn-Musicals gleichzeitig
am Broadway liefen. Damit trat der geborene New Yorker nach 22 Jahren die direkte
Nachfolge Andrew Lloyd Webbers in dieser "Disziplin" an. Im deutschsprachigen
Raum wurde der Ehemann der ebenso erfolgreichen Sängerin Linda Eder durch
die "Jekyll & Hyde"-Produktionen in Bremen und Wien bekannt. Der
März dieses Jahres bringt die lange erwartete Kölner Premiere des
Stücks um Gut und Böse.
Nun soll der Siegeszug des zweiten Wildhorn-Musicals "The Scarlet Pimpernel"
von Sachsen-Anhalt aus beginnen. Und die Zeichen stehen gut.

Kennt Marguerite (Ann Christin Elverum) das Geheimnis Ihres Mannes Percy (Darius
Merstein)? (Foto: Gert Kiermeyer / Oper Halle)
Die Story von "The
Scarlet Pimpernel" erscheint beim ersten Lesen des Programmhefts als sehr
verworren und undurchsichtig. Während des im Jahr 1793 spielenden Stücks
selbst sind die Charaktere jedoch sauber voneinander getrennt und erleichtern
so - auch unvorbereitet - erheblich das Verstehen des Plots.
"The Scarlet Pimpernel" ist die scharlachrote Blume auf dem Siegel
eines geheimen englischen Bundes von Adligen, die französische Aristokraten
durch List und Tücke vor dem Tod auf der Guillotine retten. Bei jeder ihrer
Aktionen hinterlassen sie ein Papier mit dem Abdruck der "Scarlet Pimpernel".
Die fieberhafte Suche der Franzosen nach den Drahtziehern der Organisation mündet
in der Liebesgeschichte des Musicals: Die Französin Marguerite war vor
ihrer Ehe mit dem Geheimbundanführer Sir Percy Blakeney mit dessen französischen
Gegenspieler Chauvelin liiert. Nachdem geheime Informationen in die falschen
Hände geraten, verdächtigt Percy seine Frau, obwohl sie wirklich nichts
von seinen Machenschaften weiß. Dennoch wird Marguerite in der Tat von
Chauvelin für Spitzeldienste mit der Exekution ihres Bruders erpresst.
Bei ihrem eigenmächtigen Versuch, diesen zu retten, gerät auch sie
in die Fänge der Revolutionäre. Zeit für eine spektakuläre
Befreiungsaktion durch Sir Percy, der beim Showdown an der französischen
Küste scheinbar selbst in eine Falle tappt und unter dem Fallbeil landet.
Gut für seine Truppe, dass er auch für diese ausweglose Situation
schon lange eine Lösung ausbaldowert hat...

Chauvelin (Christopher Murray) erpresst seine Ex-Geliebte Marguerite (Ann Christin
Elverum) (Foto: Gert Kiermeyer / Oper Halle)
Trotz massiver Tonprobleme
bei der Premiere zum Beginn des Musicals (so gingen leider zwei wunderschöne
Männer-Soli völlig unter) und einer durchgängig nicht optimalen
Akustik-Mischung, stellt sich das Opernhaus der anspruchsvollen Aufgabe mit
Bravour.
Das zunächst gewöhnungsbedürftige Bühnenbild mit einem großen
Metallgerüst auf der Drehbühne, stellt sich schnell als multifunktionales
und in die verschiedenen Bilder optimal eingegliedertes Bühnensegment heraus.
Angesichts des nicht in die darzustellende Zeit passenden Bühnenaufbaus,
muss ein Großteil der historischen Wirkung über die Kostüme
erzielt werden. Dies gelingt dem traditionsreichen Haus in jeglicher Hinsicht.
Farbenfrohe Kostüme mit dem Hang zur Perfektion im Detail sorgen für
einen wahren Augenschmaus.

Perfektes Bühnenbild mit überwältigenden Farben (Foto: Gert Kiermeyer
/ Oper Halle)
Darius Merstein kann dem Publikum neben seinem bekanntermaßen hervorragenden Gesang auch unterschiedliche Charaktere des Sir Percy Blakeney bieten, da er auf der einen Seite der fechtende Erretter und auf der Scheinwelt-Seite der tuntige Adlige ist, der keiner Fliege ein Leid antun kann. Darius Merstein gelingen auch die schnellsten Wechsel zwischen diesen "Persönlichkeiten" absolut problemlos. Ähnlich faszinierend meistern die Darsteller des Geheimbundes ihre Verwandlungen von harten Männern zu eher lauwarmen Gesellen. Die durch das ganze Stück statt findenden Auftritte der "Helden" sorgen für Fröhlichkeit im Publikum, die die bedrückende Wirkung der anderen Szenen noch verstärkt. Für Spannung sorgt in "The Scarlet Pimpernel" hauptsächlich Chauvelin, dem Christopher Murray mit seiner durchdringenden, warmen Stimme Leben einhaucht. Gesanglich nicht ganz überzeugen konnte - zumindest am Premierenabend - Ann Christin Elverum als Marguerite, deren Stimme zu dünn klang. Leider bietet die Rolle zudem kaum Möglichkeiten der schauspielerischen Verwirklichung, so dass Ann Christin Elverum trotz einiger schöner Lieder neben den bunt "geschmückten" Herren eher grau wirkte.

Marguerite (Ann Christin Elverum) mit ihrem Bruder Armand (Zoltán Tombor)
(Foto: Gert Kiermeyer / Oper Halle)
Der heimliche Star des Premierenabends aber ist Koen Schoots, Dirigent und musikalischer Leiter der Inszenierung, für deren Fassung er auch mitverantwortlich zeichnet. Wie schon bei "Jekyll & Hyde" drückt der gebürtige Holländer auch diesem Wildhorm-Stück wieder seinen persönlichen Stempel auf und vergütet es dabei, ohne ihm seine ursprünglichen Eigenschaften zu rauben. Das Orchester des Opernhauses Halle hält Koen Schoots in jedem Moment des Abends voll in seinem Bann und entlockt ihm so Ohren betörende Höchstleistungen.

Koen Schoots - musikalischer Leiter und Dirigent der deutschsprachigen Erstaufführung
beim Schlussapplaus (Foto: M. Nauroth m. frdl. Unterst. v. T. Kühler)
Alles in allem erinnert
die Inszenierung der Oper Halle äußerlich stark an die Originalproduktion
des Boublil/Schönberg-Klassikers "Les Misérables": Das
Metallgerüst auf der Drehbühne ähnelt der Barrikade, die französische
Trikolore weht über die Bühne und Chauvelin könnte durchaus ein
Bruder Javerts sein.
Musikalisch aber kann der Komponist seine Anleihen an "Jekyll & Hyde"
nicht leugnen. Insbesondere die Zwischenbildmusiken lassen zum Teil ganze musikalische
Themen wieder erkennen. Dies stellt aber keinen Schwachpunkt dar, weil die durchweg
eingängigen, sehr harmonischen Melodien überhaupt nicht abzunutzen
scheinen. Wie auch "Jekyll & Hyde" bietet "The Scarlet Pimpernel"
zudem ein Füllhorn fantastischer Soli und Duette, die in ihrer Geballtheit
ihresgleichen suchen.

Schlussapplaus "The Scarlet Pimpernel" (Foto: M. Nauroth m. frdl.
Unterst. v. T. Kühler)
"The Scarlet Pimpernel"
bietet in der Inszenierung der Oper Halle einen äußerst kurzweiligen,
in weiten Teilen sogar vor Spannung fesselnden Theaterabend mit ansprechenden
Bildern, wunderschöner Musik und sehr guten Darstellern.
Auch wenn der sicherlich aufkommende "Scarlet"-Hype einige weitere
Produktionen im deutschsprachigen Raum nach sich ziehen wird, ist ein Besuch
gerade dieser Inszenierung mehr als empfehlenswert!
weitere Informationen: www.opernhaus-halle.de

Schlussapplaus "The
Scarlet Pimpernel" (Foto: M. Nauroth m. frdl. Unterst. v. T. Kühler)
(Marco Reuschel, MrMusical, 25.02.2003)