Als die "Elenden" am 28. November 1999 nach fast vierjähriger (triumphaler) Leidenszeit im Duisburger Musical-Theater zwangserlöst wurden, war das Heulen und Zähneklappern innerhalb der eingeschworenen und ständig gewachsenen Les-Mis-Fangemeinde groß. Für viele brach eine (Musical-)Welt zusammen. Sie konnten nicht verstehen, dass ausgerechnet eines der substanziellsten (und ergreifendsten) Stücke, das je auf deutschen (und internationalen) Bühnen) reüssiert hatte, den um Rationalisierung und finanzieller Schadensbegrenzung bemühten Rotstift-Strategen eines wankenden, konkursbedrohten Stella-Konzerns zum Opfer fallen sollte. JOSEPH in Essen sollte ja wenige Wochen später das gleiche unrühmliche Schicksal ereilen. Geteiltes Leid - halbes Leid? In diesem Fall mitnichten!!
Der Katzenjammer war an beiden Standorten gleich groß - und sollte, wenn auch mit beträchtlicher zeitlicher Verzögerung, ja auch die Miezen in Hamburg ereilen. Immerhin bekommen die samtpfotenen Mäusefänger im Schwäbischen ja eine zweite Chance und treten hier am 2. März das Erbe von Belle, der Schönen, und ihrem Disney-Biest an, während Onkel Joe noch mehr als ein Jahr Abend für Abend in seinen bunten Träumermantel schlüpfen konnte - allerdings nicht in Deutschland, sondern im Wiener Raimund Theater.
Für Les Misérables
hingegen schien der Ofen definitiv aus - geopfert und gestorben auf den Barrikaden
wirtschaftlicher Verschlankungszwänge. Dass Jean Valjean und Co. nach wie
vor im Londoner Westend auf der Palace-Bühne in der Shaftesbury Avenue
gegen ihr Schicksal und soziale Ungerechtigkeiten anrannten, war da nur ein
schwacher Trost für die hiesigen Anhänger dieses genialen Gesamtkunstwerks
von Alain Boublil und Claude-Michel Schönberg. Der Sprung über den
Kanal schien für den durchschnittlichen germanischen Fan-Geldbeutel nun
doch ein klein wenig zu kostspielig.
Bereits im Spätherbst vergangenen Jahres kam jedoch Entwarnung - aber nicht
aus Duisburg, sondern aus der ehemaligen Bundeshauptstadt. Die Intendanz der
Bonner Staatsoper hatte sich entschlossen, Inspektor Javert doch noch einmal
auf den Fall des Sträflings Nummer 24601 anzusetzen. Aufatmen auch in anderer
Hinsicht: Gerüchte, denen zufolge der durch diverse kontrovers aufgenommene
Operninszenierungen bekannt gewordene Regisseur John Dew damit liebäugele,
das Stück im Weltraum anzusiedeln, entpuppten sich (glücklicherweise)
als Luftnummer. Die Pariser Straßenkämpfe als Bühnenvariante
des "Krieg der Sterne" hätte ja selbst die Schmerzgrenze den
eingeschworensten Freundes dieses Victor Hugo-Sujets den Seelenfrieden geraubt.
Also: Viel Lärm (und Aufregung) um Nichts. Das Spacelab namens Monteuil-sur-Mer
bekommt Startverbot, das dunkle Schweigen an den Tischen erfolgt nicht im dunklen
All, sondern ist und bleibt von dieser Welt. Anders formuliert: Die klassische
Variante sticht auch am Rhein.
Dennoch ist die Spannung und die Erwartung, was Dew da vom Stapel lässt
bzw. lassen kann, groß. Immerhin hat der Meister eine hochkarätige
Schar an populären Musical-Stars um sich geschart. Das Ensemble rekrutiert
sich zum größten Teil nicht aus dem Personal-Fundus des Hauses, sondern
wurde auf dem "freien Markt" gecastet. Und dabei haben die "Headhunter"
nicht im Keller, sondern gleich in der ersten Liga gewildert.

Hartwig Rudolz wird im November 1999 nach einer seiner letzten
Vorstellungen als Inspektor Javert im Duisburger Musical-Theater von Fans umringt
und gefeiert. Jetzt ist er wieder da und wird vom Häscher zum Gehetzten. In
der Bonner Les Misérables-Produktion spielt der Allround-Künstler den Jean Valjean.
(Foto: Jürgen Heimann)
Kein Geringerer als "Alt"-Meister
Hartwig Rudolz führt das prominente Teilnehmerfeld an. Als Valjean war
der Allround-Darsteller ja bereits in Duisburg die Ideal-Besetzung gewesen und
machte hier auch als Fahnder Javert eine starke, glaubwürdige und gute
Figur. Das Hamburger Ex-Phantom dürfte sich, als Nummer 1 gesetzt, in Bonn
allemal als Zugpferd erweisen.
Gesetzt den Fall, Tom Zahner stünde, so wie man ihn aus der Schimanski-Hochburg
in Erinnerung hat, hinter der Theke einer neuzeitlichen Kneipe, selbst der abgebrannteste
Penner würde ein Freibier von ihm glattweg ausschlagen und stattdessen
lieber Wasser aus dem Stadtbrunnen schlürfen. Als schlitzohrig-krimineller,
auf Profit-Maximierung fixierter und mit allen menschlichen Schlechtigkeiten
"gesegneter" Räuber-Wirt Thénardier ist der Mann erste
Wahl. Nicht von ungefähr stand er ja auch bereits in der Duisburger Les
Mis-Premiere als Ur-Gastronom auf der Bühne. Im Frühjahr vergangenen
Jahres war Zahner übrigens, aber von vielen unerkannt, in einer eher unscheinbaren
Nebenrolle der Kölner Saturday Night-Inszenierung als Barmann und Farbenshop-Eigner
Fusco zu sehen. Aber in Bonn ist er endlich wieder in seinem ureigendsten Element.
Die Bonner Staatsoper proudly presents außerdem: Leah Delos Santos. Die
stimmgewaltige, sympathische (und nebenbei bildhübsche) Philippinin hatte
ja seinerzeit als Premieren-Besetzung nicht nur als Schöne in Stuttgart
abgeräumt; auch als Lisa in der Bremer Jekyll & Hyde-Produktion verlieh
sie dieser Rolle bis Ende vergangenen Jahres neue Konturen. Bei Les Misérables
will und wird sie als Cosette sicherlich Akzente setzen.
Jesse Web ( u.a. Cyrano) mimt den gnadenlosen, obrikeitshörigen und prinzipien-treu-verrückten Bullen Javert, Axel Mendrok steigt Cosette als Marius (erfolgreich) hinterher. Susanna Panzer steht vor der sicherlich nicht leichten Aufgabe, sich als Fantine an den Leistungen eines Top-Star wie Maya Hakvoort messen lassen zu müssen. Thénadiers bessere Hälfte ist in der Bonner Produktion übrigens Heike Schmitz, während Jens Janke den Enjolras verkörpert.
Zum 42-köpfigen Ensemble zählt unter anderem auch Christian Petru, der bis vor kurzem noch in der Oberhausener Höhle des kleinen grünen Drachens neben Ross Antony als Zweitbesetzung des Tabaluga-Sängers agierte. Als solcher ist Tausendsassa Bernie Blanks nach einer mehrmonatigen Auszeit seit Anfang Januar im TheatrO CentrO ja wieder die Nummer 1.
Was die musikalische Leitung
der neuen Produktion anbelangt, durften sich die Bonner von Anfang an auf der
sicheren Seite wähnen. Mit Klaus Wilhelm haben sie sicher aufs richtige
Pferd gesetzt. Er dirigierte bereits das Les-Mis-Orchester in Duisburg.
Offizieller Probenstart ist übrigens am Montag, den 12. Februar. Dem Kreativ-Team
und den Künstlern bleiben somit knapp zwei Monate Trainingszeit bis zur
Premiere am Samstag, den 8. April. Dieser vorgeschaltet ist eine Woche zuvor
am 1.4. bei freiem Eintritt eine öffentliche Matinee im Opernhaus am Münsterplatz,
in deren Rahmen die Verantwortlichen und Protagonisten den Fans Rede und Antwort
stehen sowie einzelne Szenen aus dem Stück vorstellen werden.
Nach der Premiere sind für die laufende Spielzeit folgende Aufführungen
terminiert: 14. und 16. April, 10. und 24. Mai, 2., 15., 20., 27. und 2. Juni
sowie 1., 3., 5. und 7. Juli. Nach der Sommerpause geht es dann in die zweite
Les Mis-Runde. De Kartenvorverkauf beginntjeweils 28. Tage vor der jeweiligen
Aufführung. Tickets können unter 0228/778008 bzw. per Fax unter 0228/775775
geordert werden. Zusätzliche lassen sich ferner unter der eMail-Adresse
oper@bonn.de anfordern.
(Jürgen Heimann, 09.02.2001)